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Die Kreuzkirche

kreuzkirche aussen

Als eine Wegekirche an einer der Hauptverkehrsverbindungen Dülmens liegt die Pfarrkirche Heilig Kreuz. Ein schlichter massiver Bau aus Ibbenbürener Bruchstein mit wuchtigem Turm. Der Auftrag zum Bau einer Gemeinde- und gleichzeitigen Grab- und Wallfahrtskirche für Anna Katharina Emmerick erhielt der bekannte Kölner Kirchenarchitekt Professor Dominikus Böhm am 4. Oktober 1936. Sie wurde als letzter Kirchenbau in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg durch Bischof Clemens August Graf von Galen am 16. November 1938 eingeweiht. Ihren einzigen äußeren Schmuck besitzt die Kirche in der Westfassade mit einem großen Radfenster, einer Rosette, im Durchmesser neun Meter messend und aus 11.800 farbigen in Blei gefassten Scheiben bestehend.

Der Innenraum der Heilig-Kreuz-Kirche, der sich dem Besucher im Stile einer römischen Basilika präsentiert, besticht durch die Reduktion auf einfache „schnörkellose" Formen und eine dramatische Lichtführung, die Dominikus Böhm gezielt als Mittel seiner ArchInnenraumitektursprache einsetzte. Der Besucher wird geführt, vom Halbdunkel des Versammlungsraumes mit seinen sparsamen Fensteröffnungen in großer Höhe über den lichthellen Stufenberg mit einem fast schwebenden Kreuz in den gleißenden Lichtraum der Unterkirche. In diese Lichtfülle, dem höchsten Raum der Kirche wurde bei der Umgestaltung 2004/2005 das Grab der seligen Anna Katharina Emmerick verlegt, so wie es bereits Böhm konzipiert hatte. (aus: Bildband "Dülmen – gestern und heute)

Viele Besucher der Kreuzkirche, besonders aus dem süddeutschen Raum finden die so einfache und schmucklose Kirche als recht ungewöhnlich.

Sie erspüren damit, wenn auch zunächst mit etwas Unbehagen, die Absicht, die der Architekt Dominikus Böhm beim Bau der Kirche in den Jahren 1936-38 verfolgte. Er wollte sich von den seit Jahrhunderten üblichen Nachahmungen gotischer und romanischer Kirchen lösen und vor allem die überbordende Ausschmückung der Kirchen mit Figuren, Bildern und Ornamenten vermeiden.

Kirche sollte in einer Welt der schreienden Reklame, der hektischen Betriebsamkeit ein Raum der Einfachheit in der Gestaltung, der Klarheit in der architektonischen Ausrichtung und der Stille sein. So überrascht der Raum mit seinen ausschließlich geraden Linien durch seine Größe und Höhe, ohne Unterbrechung durch Pfeiler, die Kirche so sichtbar als ein „anderer Raum“ gegenüber normalen Räumen. Auch ein moderner Raum, denn erst moderne Bautechnik machte es möglich, einen so großen Raum mit einer an einer Stahlkonstruktion hängenden Decke zu überspannen.

In der damaligen Diskussion um die beiden Modelle für den Kirchbau: Heiliger Kreis (Kirchbau als Kreis um den Altar) und Heiliger Weg (Kirchbau als Weg zum Altar) entschied sich der als Kirchbaumeister sehr bekannte Dominikus Böhm für die Form des Heiligen Weges. Der Raum der Kirche sollte den Weg des Lebens – wie ihn christliche Glaubensvorstellungen sehen – darstellen. Deshalb das lange, nur mäßig durch die kleinen, hoch oben angebrachten Fenster belichtete Kirchenschiff als Weg zu dem als Ziel empor ragenden Stufenberg. Die 14 Stufen zu dem Berg sollen die 14 Kreuzwegstationen, der Stufenberg selbst den Berg Golgotha darstellen. Auf diesem Berg der Altar, auf dem in der Messfeier das Kreuzesopfer Christi vergegenwärtigt wird. Der Altar ist eingetaucht in das Licht aus dem großen Südfenster neben dem Altar, vor allem aber in die Fülle des Lichtes aus dem großen Lichtraum hinter dem Altar. In diesem Licht scheint die Auferstehung, die Erlösung auf.

Die Kirche sollte gleichzeitig auch Grabes- und Wallfahrtskirche für Anna Katharina Emmerick sein. Zu der Grabkapelle steigt man zwar, wie zu einer Krypta, auch einige Stufen hinab, aber die Kapelle ist deutlich auch Teil des Kirchenraumes, der sich rechts und links neben dem Stufenberg und in der ganzen Breite hinter dem Stufenberg zu der Grabkapelle öffnet. Die Grabkapelle ist ein riesiger Lichtraum, mittendrin das einfache Grab der Seligen, mitten in das Licht gestellt. So wie sie nach den Vorstellungen der Kirche aufgenommen ist in die Herrlichkeit Gottes.

Solange der Priester die Messe mit dem Rücken zur Gemeinde feierte, Priester und Gemeinde also dem Altar, dem Kreuz, dem Licht zugewandt waren, war die durch das Baukonzept vorgegebene Ausrichtung sinnvoll. Sie wurde unmöglich, als nach dem vatikanischen Konzil die gemeinsame Feier von Priester und Gemeinde betont wurde und der Priester in der Gemeinde die Messe feiert. Deshalb ist die Kirche 2005 im Inneren umgestaltet worden. Die Architekten Feja und Kemper haben dabei auf das Modell des Heiligen Kreises zurückgegriffen, haben den Altar in die Gemeinde, in das Kirchenschiff hineingeholt.
Sie haben aber dabei den Gedanken des "Heiligen Weges" nicht zerstört. Das ist deshalb gelungen, weil sich das große Holzpodest, auf dem der Altar steht, nur eine Stufe über den Boden erhebt. So wird der Blick auf den Stufenberg nicht versperrt. Damit andererseits die neue Altarinsel optisch nicht durch den mächtigen Stufenberg erdrückt wird, haben die Architekten für das große viereckige Podest, auf dem der Altar steht, ein zwar schlichtes, aber doch ausdruckstarkes Material gewählt: massives Eichenholz. Auch die große Altarplatte aus römischem Travertin wird von 16 viereckigen massiven Pfosten aus Eichenholz getragen (außen sichtbar 12 Pfosten, deshalb kann man darin auch eine Andeutung des Abendmahls mit den 12 Aposteln sehen), der Ambo von vier solchen Pfosten (Andeutung der vier Evangelisten).

Die Erinnerung an Golgatha durch den Stufenberg haben die Architekten gegenüber dem früheren Bild noch betont, indem sie ein von dem Boden des Berges hoch aufragendes Kreuz zwischen die beiden Pylonen am Ende des ursprünglichen Altarraumes gestellt haben. Nun ragt das Kreuz tatsächlich, schon beim Betreten der Kirche den Raum bestimmend, auf dem Berg Golgatha auf. Mit seiner schwarzen Front steht es im scharfen Kontrast zu der Fülle des Lichtes hinter dem Kreuz. Wie ein großes Tor wirken die Pylonen, in dem Tor das Kreuz, das hineinführt in das Licht. Das Kreuz, bewusst ohne Korpus, ist damit gleichzeitig Todesholz und Auferstehungskreuz.

Zu der Zeit, als die umgestaltete Kirche eingeweiht wurde, hat Benedikt XVI. auf dem Weltjugendtag in Köln eine Predigt über die Eucharistie gehalten. Er sagte: „Indem Jesus Brot zu seinem Leib und Wein zu seinem Blut macht und austeilt, nimmt er seinen Tod vorweg, nimmt er ihn von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe. Was von außen her brutale Gewalt ist, wird von innen her ein Akt der Liebe, die sich selbst schenkt, ganz und gar.“

Das neue Baukonzept entspricht ganz diesem Gedanken: Die Gemeinde feiert, um den Altar geschart, mit dem Priester das Abendmahl, sie sieht gleichzeitig, was dem ersten Abendmahl folgte, der Kreuzweg und der Tod Christi. Hinter dem Kreuz aber sieht die Gemeinde als Zeichen der Auferstehung die Fülle des Lichtes. Die um den Altar Versammelten beten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung feiern wir, bis du kommst in Herrlichkeit."

In dieser Baugestalt ist die Kirche auch eine Kirche der Anna Katharina Emmerick. Die drei den Bau bestimmenden Elemente: Kreuz, Eucharistie, Gemeinde als Leib Christi waren wesentliche Elemente in ihrem religiösen Leben. Betend vor dem Kreuz hat sie in einer Welt, die von einem herrschenden und strafenden Gott bestimmt war, den liebenden Gott geschaut. In dem täglichen Empfang der Eucharistie – damals völlig ungewöhnlich - hat sie Stärkung für ihr Leben erfahren. Und so wie die Gemeinde um den Altar geschart, vereint durch den Empfang der Eucharistie eine Einheit bildet, hat sie damals den Gedanken von dieser Einheit der Kirche als Leib Christi neu entdeckt.

Den Westgiebel der sonst so schmucklosen Kirche ziert eine große Rosette (7,50 m Durchmesser), wie man sie am Giebel der gotischen Kathedralen findet. Die Rosette, die Rose, gilt in der christlichen Tradition als eine Darstellung Marias, der Mutter Gottes. Dominikus Böhm hat diese Rosette, aus ca. 12000 bunten Gläsern zusammengesetzt, selbst so entworfen.

(Günter Scholz)

Weitere Eindrücke der Kreuzkirche finden Sie in der >> Bildergalerie.

Außerdem wurde die Kreuzkirche in die „Straße der Moderne“ aufgenommen.